An diesem wundervollen warmer Herbst-Nachmittag kam gar nichts anderes infrage als, auf den Platz zu fahren und auf die Runde zu gehen. Vorher übte ich noch ausgiebig alle Schläge. Die Routine, die sich durch das öftere Spielen eingestellt hat, liegt inzwischen zuverlässig zugrunde.
Ich spielte zwei interessante Runden mit einer Frau meines Alters, die mich gleich zu Beginn durch ihr natürliches Verhalten überraschte (weder affektiert noch kokett, verklemmt oder doppelsinnig, sondern einfach offen und spontan — also einer der sehr seltenen Fälle, das muß ich hier leider anmerken). Bei mir gab es eine extreme Mischung aus großartigen und schrecklichen Bahnen: vom Birdie und Par bis hin zu etlichen Aus-Schlägen und einer 12 am letzten Loch. (1: 33, 2: 34 Schläge)
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Aber am allerwichtigsten war, was ich über meine hier bereits erwähnte „Entdeckung“ herausfand. Heute kam ich nämlich endgültig dahinter. Und es ist für mich der größte Umbruch, die wichtigste Erkenntnis seit Francos Tip in Corvara. Es muß einfach so sein, daß am tiefsten Punkt des Schwunges, also genau beim Treffmoment, die Arme völlig entspannt zu sein haben. Das heißt, man kommt von rechts oben mit den Armen herunter (diese haben ja eine gewisse Spannung geladen, wie auch der ganze sonstige Körper), und zum Treffmoment hin (eher davor) entlädt sich diese Spannung. Dadurch erhält der Schlag so etwas Ähnliches wie bei einem Peitschenschlag, aber eben ohne jegliche weitere Krafteinwirkung, sondern ganz im Gegenteil: das Lösen der Spannung setzt die Energie bis in den Schlägerkopf hinein frei. Der Schlag geht in diesem Augenblick nicht mehr nach links (als Drehung), sondern öffnet sich zum Ziel hin, also nach vorne.
Ich habe das ausprobiert, und die Resultate verblüfften mich derart, daß ich es genauso wenig glauben konnte wie das neulich passierte Einlochen aus 130 Metern. Die Schläge gingen bis zu 50 m weiter! Und das ohne jegliche zusätzliche Kraft! Mit dem Eisen 4 schlug ich problemlos auf 200 m, mit dem Holz 3 kam ich reihenweise bis ans entfernte Ende der Driving-Range (ca. 250 m). Ich hatte Schwierigkeiten, dem Ball überhaupt noch mit den Augen zu folgen, weil er raketengleich in den Himmel stieg.
Ich bin auch deshalb so verblüfft, weil ich nicht nur selbst auf diese eindeutig richtige Lösung der meisten bisherigen Schlagprobleme gestoßen bin, sondern weil ich nirgends, weder in einem Buch noch von einem Pro, auch nur etwas in dieser Richtung gelesen oder gehört habe. Es reicht auch nicht (wie Franco sagte), sich nur weiter vom Ball wegzustellen oder zu versuchen, den Schläger gerade nach vorne zu schwingen statt im Kreis. Der eigentliche Clou liegt im Loslassen der Spannung am richtigen Punkt. Das deckt sich auch genau mit meiner Theorie der Energielösung (siehe Thema Schulterschmerzen). Genau so fühlt es sich nämlich auch an. Es ist leichter, nicht schwerer; es entspannt, statt anzustrengen. Die Bälle fliegen von selbst so weit. Das hat auch nichts mit irgendwelchen stärkeren Muskeln zu tun, sondern es klappt genauso gut ohne starke Muskeln. Es ist die innere Logik des Schwunges selbst, wobei, ganz den Hinweisen von Croker entsprechernd, im Treffmoment ein Schlag, fast schon eine explosive Entladung passiert und kein „Führen“ oder gleichmäßiges Pendeln. Dieses Führen und Pendeln strengt den Rücken viel mehr an. Das ganze Prinzip beruht auf Loslassen. Genau deshalb kapieren es so wenige. Statt sich innerlich auf einen leichten, harmonischen, entspannten und bewegungsrichtigen Schwung einzustimmen, versucht der Durchschnittsgolfer, möglichst weit zu schlagen.
Auch ich habe ja jahrelang den Punkt des Loslassens trotz vieler Versuche nicht finden können, denn kaum kommt etwas Streß oder Absichtlichkeit auf, spannen sich die Muskeln an und bleiben dann auch beim Treffmoment in verkürzter Position. Genau auf diese Weise kommt es zu den bekannten langwierigen Verletzungen und Schädigungen des Rückens. Der Hintergrund wird sofort klar, wenn man sich verdeutlicht, wie hier zwei starke entgegengesetzte Kräfte auftreten: zentrifugal durch den Schläger und dessen Schwung, und zentripetal durch den vom Körper, also von den Rücken- und Armmuskeln ausgeübten Zug. Diese Zugkräfte werden umso stärker, je größer der „Ehrgeiz“ beim Schwingen und Schlagen ist, also der absichtliche Wunsch, weit und zielgenau zu schlagen. Jeder der hierbei wirksamen mentalen Prozesse wirkt als Störfaktor und beeinträchtigt nicht nur den authentischen Schwung, sondern auch die ganze innere Verfassung des Spielers einschließlich seiner Gesundheit.
Das heißt nicht, daß jeder Schmerzen bekommen oder krank werden wird, aber es ist einfach falsches und schlechtes Golf. Und man muß sich das mal klarmachen: Die meisten merken es nicht, und die meisten Pros helfen da auch nicht. Stattdessen wird geübt und geübt und wird versucht, „richtige“ Schläge zu machen (zu „lernen“). Es ist aber, genau wie in der Meditation, kein Lernen, sondern ein Ent-Lernen. Es ist die universelle Kunst des Loslassens bei gleichzeitiger vollständiger Wachsamkeit. Die wirkliche Kraft kommt immer nur mühelos zustande. Und genauso der wirkliche Erfolg.
In Momenten wie diesen paßt einfach alles zusammen; da berühren sich Himmel und Erde, wie die Chinesen sagen. Das sind dann Erfahrungen, die in sich einfach nur vollkommen sind, die unbezahlbar sind und jegliche Enttäuschung vollständig wettmachen.