Ein Wetter, wie es schöner nicht geht, und ein Golfnachmittag, wie er besser nicht geht. Zuerst schlug ich mich nach Lust und Laune an den Übungsgrüns und an der Driving Range ein, mit dem sicheren Gefühl, nun endlich zu wissen,wie alle diese verschiedenen Schläge ganz nach Bedarf hervorzurufen sind. Nach einiger Zeit kam M. und berichtete, ein Bekannter von uns sei jäh bei einem Unfall ums Leben gekommen. Das schockierte mich anfangs recht wenig, aber als ich dann still weiterspielte, merkte ich, wie sich unterschwellig etwas veränderte, wie ich das, was ich tat, neu zu bewerten begann und wie ich das Gehörte auf mich und mein eigenes Leben bezog. Die erste Runde, die ich dann spielte, verlief nicht besonders gut. Nach und nach verlor ich mein Schlaggefühl. Man hat dann manchmal den Eindruck, beim Ausholen gar nicht mehr zu wissen, wie weit der Boden von einem entfernt ist; der ganze Schlag ist einem fremd, man verkrampft sich, denkt nach, wird immer unsicherer, bis der Schlag auseinanderfällt wie eine Maschine, die sich in ihre Einzelteile zerlegt. Gegen diese Verwirrung und diesen Vertrauensverlust ist wenig auszurichten. Je mehr man sich bemüht, desto schlimmer wird es, und wenn man sich dann, nachdem man sich dessen bewußt geworden ist, wiederum bemüht, locker zu bleiben und nicht noch weiter Druck zu machen, geht auch das nicht gut. Es ist wie Schicksal; es überkommt einen, und dann steckt man in solch einer Phase wie in einem Tal drin und kann nur warten und schauen, wann es wieder aufhört.
Ich hängte die nächste Runde dran, und sie war auch nicht besser. Ich wußte nicht mehr, wie ich es vermeiden sollte, den Ball mal zu weit nach links und dann wieder zu weit nach rechts zu schlagen. Mir fiel auf, daß ich den Schwung grundsätzlich zu verspannt und gezwungen ausführte: Unwillkürlich zieht man die Arme und die Schultern an und verkürzt damit den Schlagradius, der Ball wird getoppt und rollt ein viel zu kurzes Stück.
Einfach weiterspielen! Es war noch genug Energie da, und so ließ ich die dritte Runde folgen. Mir ging es jetzt mehr darum, überhaupt zu spielen. Der Todesfall arbeitete noch weiter in mir. Eigentlich lächerlich, beinahe witzig: Da beschäftigen sich Menschen ihr Leben lang mit irgendwelchen scheinbar wichtigen Dingen, und durch einen kurzen Zufall oder Zwischenfall, der sich innerhalb weniger Sekunden ereignet, wird alles ad absurdum geführt. Alles, was scheinbar aufgebaut und investiert und an Beziehungen und Verbindungen hergestellt wurde, ist mit einem Schlag gegenstandslos. Dann ist doch eigentlich alles egal, oder nicht? Dann kann man doch tun, was man will, denn dann zählt doch ohnehin nur die gegenwärtige Handlung und das Erleben in diesem Moment — das ist alles, was man hat. Und ich stehe hier nun auf dem Platz und bin dankbar, das mit allem, was dazugehört, so ungetrübt genießen zu können. Das ist es, und mehr gibt es nicht. Man muß es jetzt nehmen, sonst ist es fort. Diese einfache Schönheit, die jetzt da ist — sie steht doch eigentlich für alles, was am Leben schön sein kann. Da gibt es kein Suchen oder Vergleichen mehr, sondern nur die Qualität dieser konkreten Erfahrung. Ein paar Bälle zu schlagen, hin- und herzugehen, das Gras zu riechen und in den Himmel zu schauen, und mehr ist gar nicht nötig, und nach mehr wird auch gar nicht gefragt. Einfacher geht es wirklich nicht, und für Angst, Streß oder Sorge gibt es nicht den geringsten Anlaß.
Es wurde dunkel. Der Tag war gerade an der Grenze angekommen, wo man nachhause geht und es gut sein läßt. Aber diesmal spornte mich gerade das an: Trotzdem weiterzumachen, die vierte Runde dranzuhängen und solange zu spielen, bis es immer dunkler und kälter werden würde — vielleicht schon zu dunkel, um die Runde zu Ende zu bringen. Dies ist die schönste Zeit hier, das wußte ich noch. Also würde ich sie ganz auskosten. Jetzt war mir auch völlig egal, wie ich abschneiden würde; einfach nur spielen wollte ich. Und ich wußte noch: Ich bräuchte einfach nur den Schwung groß und weit werden zu lassen, damit wäre die falsche Angewohnheit der Anfangsrunden einigermaßen gebannt und korrigiert.
Ich schlug auf der ersten Bahn sogar mit dem Holz 3 ab, das ich mir sonst nicht zugetraut habe, weil ich die Bälle gewöhnlich schlecht treffe und rechts oder links ausschlage. Aber ich traf. Und so ging es weiter, daß es mir fast unheimlich wurde. Außerdem brach die Nacht herein. Man sah den Mond immer heller und am Horizont die Lichter und die Autoscheinwerfer. Die Sonne war lange verschwunden und hatte nur noch einen dunkelroten Überrest hinterlassen, der in wenigen Minuten verglomm. Ob ich die Runde noch würde abschließen können? Loch 4 spielte ich Par, was mich hier wohl noch nie gelungen war. (Außerdem wäre fast ein Birdie daraus geworden.) Alle anderen Löcher hatte ich eins über Par gespielt. Aber nun sah ich den Ball nach dem Abschlagen nicht mehr, hörte nur noch in der Ferne ein leises Klopfen, das mich vage vermuten ließ, wo er aufgekommen sein könnte. Und die Schläge kamen weiter auf die richtige Art, mit weitem, großem Schwung und vollem Treffen des Balls. Beim letzten Loch konnte ich nur noch erahnen, wohin ich spielen würde. Dennoch kam ich auch hier auf nur 1 über Par. Als ich zusammenrechnete, hatte ich meine bisherige Platzbestleistung von 26 Schlägen eingestellt.
Ich packte zusammen und ging zum Ausgang. Es wurde gerade abgeschlossen und das Licht abgeschaltet. Die anderen Spieler hatten den Platz bereits verlassen. In völliger Dunkelheit fuhr ich nachhause.