Heute nachmittag war ich so müde, daß ich nicht wußte, ob es Sinn machen würde, auf den Platz zu fahren. Ein bißchen schwingt dabei mit, daß ich noch sieben Coupons auf meiner Zehnerkarte habe und diese nur noch für das laufende Jahr gelten — das kann zwar kein eigentlicher Grund sein, zum Spielen zu fahren, aber es kommt vor, daß es den Ausschlag gibt, wenn ich mir ansonsten sagen würde: „Du kannst ja immer noch ein andermal spielen und dich heute einfach nur auf die faule Haut legen.“ So habe ich in den letzten Jahren oft gedacht und bin dann monatelang nicht mehr auf den Platz gegangen. Manchmal braucht man eben einen gewissen Anstoß.
Und schwül war es heute, sehr schwül, außerdem vermutlich Föhn, der typische Spätsommer-Oktoberfest-Frühherbst-Föhn, der der Jahreszeit ein Schnippchen schlägt und sie sommerlicher erscheinen läßt, als sie in Wahrheit ist. Es kann dann sogar eine richtige brütende Hitze geben. So war es heute nicht ganz, aber fast, jedenfalls schwitzte ich beim Ankommen ordentlich und mußte mir alles bis aufs Hemd ausziehen.
Dann nahm mich aber gleich der Duft frischgemähten Grases und die wohltuende, mit Wiesenkräuter- und Heilkräuter- und Feldgemüseduft angereicherte Brise auf dem Putting-Green für sich ein. Ich atme dann erstmal tief durch und habe bereits zu diesem Zeitpunkt die Gewißheit, daß dies der beste Ort auf Erden ist und es nichts Besseres geben kann, als genau hierher zu kommen, ganz egal, ob ich nun groß trainieren, die Runde spielen oder einfach nur ein bißchen herumhängen und mich entspannen will. Da klinkt etwas innerlich ein, und alles fällt an seinen richtigen Platz. Probleme sind ganz weit draußen, wenn nicht gar so weit entrückt, als hätte es sie nie gegeben.
Zum Kurzspiel hatte ich heute keine Lust, deshalb noch ein paar Abschläge auf der Driving Range. Im Gegensatz zum letzten Mal hatte ich ein völlig leichtes, sicheres Schlaggefühl und bildete mir noch ein, das wäre so ein Tag, wo einem alles gelänge. Also schnell auf die Runde!
Während der ersten Löcher schien sich dieses optimistische Gefühl zu bestätigen, außer daß ich elend viele Schläge brauchte. „Spielt auch keine Rolle; die innere Einstellung zählt, und die stimmt heute“, sagte ich mir noch. Bis ich merkte, daß eigentlich kaum etwas zusammenlief. Ich schlug in den Boden, schlug Ausbälle, schob 20-cm-Putts vorbei. Zwar ärgerte mich das alles nicht im geringsten, aber nach der ersten Runde mußte ich mir eingestehen, daß dies womöglich das schlechteste Ergebnis des Jahres war. Und irgendwie war ich immer noch müde, wurde einfach nicht wacher. Es war, als hätte sich Mehltau über meine Sinne gelegt. Ich bastelte zwar herum, aber wie in einem Traum, so als wäre die eigentliche Umwelt von einer dicken, undurchdringlichen Trennwand verdeckt.
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Die zweite Runde begann genauso schlecht; ich schlug gleich zu Beginn ins Aus, und der Rest verlief wie eine Kopie der ersten Runde. Fast. Denn bei Loch 4 passierte es dann: Ich verzog wieder mal einen Abschlag völlig nach links, der Ball schoß weit, sehr weit über die Begrenzung hinaus, und genau dort standen zwei Spieler: ein älterer Mann und eine ältere Frau. Der Ball zischte geradewegs zwischen beiden durch. Manchmal bin ich wie gelähmt und bringe keinen Ton heraus, aber diesmal schrie, ja brüllte ich sofort laut den Warnruf „Fore!“ Nun sah ich erschrocken, wie der Mann sich den Kopf hielt. „Ich habe ihn doch gar nicht getroffen“, dachte ich, lief aber sofort die etwa 120 Meter zu ihm hinüber.
Er sei getroffen worden, behauptete er, machte auf mich aber einen recht konfusen Eindruck. Ich schätzte ihn auf ca. 80 Jahre, und er behauptete, er hätte meinen Ruf nicht gehört. Der Ball habe ihn „an den Haaren gestreift“. Konnte ich mich so getäuscht haben und das nicht mitbekommen haben? Ich ging noch näher auf ihn zu und wollte wissen, wo ihn der Ball getroffen habe. Es war aber nichts zu sehen; stattdessen verlangte er meinen Namen und meinte störrisch, er würde sofort zum Arzt gehen und sich untersuchen lassen.
Der Vorfall brachte genau den Effekt, der bisher bei mir gefehlt hatte: Ich wurde schlagartig wach. Betroffen spielte ich weiter und begann darüber nachzudenken, ob ich nun schuldig, verantwortlich, haftbar sei. Ich schaute nochmal zu den beiden hinüber. Sie spielten regulär weiter.
Den Rest der Runde erledigte ich ohne viel Freude am Spiel; ich vergaß sogar, die Ergebnisse aufzuschreiben. Zügig schloß ich das Spiel ab und machte mich direkt zur Rezeption auf. Dort fragte ich nach, ob sich der Alte wie angekündigt gemeldet hätte. Die junge Frau wußte von nichts; auch war das Paar sofort verschwunden. Ich sprach den Trainer an und schilderte ihm den Vorfall, erwähnte auch, daß mir das Verhalten des Mannes suspekt erschienen sei. Der Pro beruhigte mich sofort: Alle Spieler auf dem Platz seien durch den Platzinhaber versichert; man könne nie sicher gehen, wohin die abgeschlagenen Bälle flögen; ich solle mir keine Sorgen machen. Außerdem sei ja gar nichts gemeldet worden.
Nach ein paar Minuten war ich über die Angelegenheit hinweg. Ich nahm mir aber vor, aus der Angelegenheit meine eigene Lehre zu ziehen und selbst genauer auf entgegenkommende Bälle zu achten. Es kann einem nämlich leicht passieren, daß man so vom Spiel eingenommen ist, daß man Querschüsse gar nicht in Betracht zieht und die anderen auf Gegenbahnen spielenden Parteien nicht mehr zur Kenntnis nimmt.
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Der Himmel zog sich nun langsam mit Wolken zu, und Abendstimmung begann sich breitzumachen. Das ist für mich hier die schönste Zeit. Vor mehreren Jahren habe ich hier einmal abends bis in die völlige Dunkelheit hinein gespielt und kann mich heute noch an das beeindruckende Erlebnis erinnern. Es ist eine Zeit, bei der man sich nach und nach entspannt und bei der alles, was mit Wichtigem oder scheinbar und eingebildet Wichtigem aufgeladen ist, in den Hintergrund tritt. Dagegen rücken einfache Eindrücke in den Vordergrund: die Farbe des Horizonts, der sich nicht einfach nur orange oder rot, sondern in seltsamen Mischungen von Braun- und Violett-Tönen präsentiert, die jeden Augenblick ihren Ton und ihre Strahlung ändern wie bei einer großartig inszenierten Opernaufführung. In der Ferne läuten Kirchenglocken, Krähen fliegen vorüber, Hundegebell und Autogeräusche sind zu vernehmen — alles Eindrücke, die den ganzen Tag über vorhanden sind, aber erst jetzt nach vorne rücken und den Eindruck wehmütiger, anrührender Bedeutsamkeit hervorrufen.
Es ergaben sich noch zwei Gespräche: Einmal mit einer Frau, die heute ihren ersten Golftag hatte und mit unermüdlicher Hingabe Schläge ausprobierte, von denen sogar einige recht gut gelangen. Dann mit dem guten Spieler, mit dem ich neulich zwei Runden gespielt hatte. Er erzählte mir, wie er längere Zeit mit Rückenschmerzen zu kämpfen gehabt habe, sich dann aber mithilfe eines Physiotherapeuten, eines Masseurs und mehrmonatigem intensivem Krafttraining zur Stärkung der Rückenmuskulatur selbst aus dem Teufelskreis von chronischem Schmerz und Verspannung befreit habe. Die Zeit verging, und ich war nicht mehr unruhig, auch nicht mehr müde, sondern einfach nur mit dem gegenwärtigen Augenblick verbunden. Es ging mir gut; ich war zufrieden; der zuvor erlebte Schock hatte mich nicht geschwächt, sondern offenbar sogar gestärkt. Ich schlug meine restlichen Übungsbälle ab und ließ mir dabei viel Zeit. Dann machte ich mich zu einer letzten Runde auf.
Solche Runden bei untergehender Sonne, wenn der Tau schon das Grün bedeckt und aus dem tiefen Gras des Fairways ein würzig-modriger, intensiver Geruch aufsteigt, möchte ich gegen kein anderes Platzambiente eintauschen. Mir ist dann völlig gleichgültig, wie ich spiele, aber genau deswegen gelingt mir alles, was ich mir nur wünschen kann — während ich mir gleichzeitig gar nichts mehr wünsche. Es ist eine Zeit der inneren Heimkehr, aber durchzogen von einer rätselhaften Melancholie, die stets einhergeht mit dem Wissen um die Vergänglichkeit allen Daseins. Der Tag endet, es wird dunkel, die Vögel schreien ihre letzten Mitteilungen, Autoscheinwerfer leuchten auf und an den Bänken packen die letzten Spieler ihre Taschen, um sich zum Abschied aufzumachen. An der Rezeption wird bereits alles verstaut und zugeschlossen. Man kann hier aber stets sicher sein, niemals zum Fortgehen genötigt zu werden; jedem bleibt es überlassen, bis zur völligen Dunkelheit weiterzuspielen, solange er eben seine Bälle noch so gerade sehen kann, oder wenn er will, auch noch länger. Und ich könnte diesen Augenblick so lange hinauszögern wie nur irgend möglich.