5. November 2007

Kalt

Ich gelange jetzt schon an den Punkt, wo ich nicht mehr auf den Platz fahren möchte, weil es mir inzwischen zu kalt ist. Aber ich habe noch 3 Streifen auf der Karte gehabt, und heute war, von der niedrigen Temperatur abgesehen, ein perfekt frisches und klares Wetter. Jedoch fiel mir, kaum war ich auf dem Putting Green, auf, wie niedrig die Sonne bereits stand: in absehbarer Zeit würde es dunkel werden.

Auf die Idee, diesen Tag zu nutzen, um nochmal schnell auf die Runde zu gehen, waren noch etliche andere gekommen, so daß es sich wieder mal am Abschlag staute. Also übte ich noch etwas. Leider klappte auf der Driving Range gar nichts; es verzog alle Bälle nach rechts. “Mein Schwung ist zu steil”, ging mir durch den Sinn. Ich versuchte es flacher, aber am Flug der Bälle änderte sich fast nichts. Irgendwann verlor ich die Geduld und marschierte zum Abschlag.

Zu meiner Verblüffung ging gleich der erste Schlag zu weit nach links und flog in den Acker hinterm Zaun. Auf der Runde konnte ich dann feststellen: Erstens, es klappte überhaupt nichts, zweitens, die Schläge kamen hier prinzipiell richtig, also gar nicht so fade-artig wie auf der Driving Range. Offenbar hatte ich mir bei den vielen Platzrunden der letzten Zeit einen Stil angeeignet, der nur für den Platz und das konzentrierte Zählspiel taugte - was ja im Grunde auch gar nicht schlecht ist. Denn ich schlage hier ja nicht einfach drauflos, mit weitgehend unkontrolliertem Schwung wie auf der Driving Range, sondern mit mehr Bedacht und Genauigkeit. Auch unter Druck, und das ist wichtig. Denn unter Druck spielt man immer anders, und ein Spiel, das nur beim Training klappt, aber unter Anspannung und Nervosität auseinanderfällt, hat letztlich kaum einen Wert.

Diese erste Runde war so schlecht, daß ich den Tag schon abschreiben wollte (allein jeder zweite Abschlag ging ins Aus). Also einfach weiterspielen, soviel es Spaß macht. Und gleich auf die nächste Runde. Auch diesmal erwartete mich eine Überraschung: Ich hatte ganze Serien von Glücksbällen, keinen Schlag ins Aus, mehrmals Par (und war gleich mehrmals nahe an Birdies). Es wurde mir schon unheimlich. Beim letzten Loch verzichtete ich aufs Rechnen, schlug einfach drauflos, dann beim zweiten Ball wieder, und auch hier, bei diesem Par 4, rollte der Ball wieder zum Grün, als wäre dort ein Magnet verborgen. Wieder fast ein Birdie, aber dann wurde ich doch nervös und der Schlag, der eigentlich der letzte sein wollte, rollte an der Lochkante entlang wieder heraus. Trotzdem: Mit 25 Schlägen für 6 Löcher (Par 21) war das persönliche Bestleistung!

Ich war dann froh, gleich aufs Rad zu steigen und so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Es war noch nicht ganz dunkel, aber bitter kalt, nicht weit über Frost. Mal schauen, ob ich die zwei übriggebliebenen Streifen noch wegspielen kann; wenn ich sie nicht mehr hätte, wäre für mich die Saison schon vor dem heutigen Tag zuende gewesen.

17. Oktober 2007

Besser geht es nicht

Ein Wetter, wie es schöner nicht geht, und ein Golfnachmittag, wie er besser nicht geht. Zuerst schlug ich mich nach Lust und Laune an den Übungsgrüns und an der Driving Range ein, mit dem sicheren Gefühl, nun endlich zu wissen,wie alle diese verschiedenen Schläge ganz nach Bedarf hervorzurufen sind. Nach einiger Zeit kam M. und berichtete, ein Bekannter von uns sei jäh bei einem Unfall ums Leben gekommen. Das schockierte mich anfangs recht wenig, aber als ich dann still weiterspielte, merkte ich, wie sich unterschwellig etwas veränderte, wie ich das, was ich tat, neu zu bewerten begann und wie ich das Gehörte auf mich und mein eigenes Leben bezog. Die erste Runde, die ich dann spielte, verlief nicht besonders gut. Nach und nach verlor ich mein Schlaggefühl. Man hat dann manchmal den Eindruck, beim Ausholen gar nicht mehr zu wissen, wie weit der Boden von einem entfernt ist; der ganze Schlag ist einem fremd, man verkrampft sich, denkt nach, wird immer unsicherer, bis der Schlag auseinanderfällt wie eine Maschine, die sich in ihre Einzelteile zerlegt. Gegen diese Verwirrung und diesen Vertrauensverlust ist wenig auszurichten. Je mehr man sich bemüht, desto schlimmer wird es, und wenn man sich dann, nachdem man sich dessen bewußt geworden ist, wiederum bemüht, locker zu bleiben und nicht noch weiter Druck zu machen, geht auch das nicht gut. Es ist wie Schicksal; es überkommt einen, und dann steckt man in solch einer Phase wie in einem Tal drin und kann nur warten und schauen, wann es wieder aufhört.

Ich hängte die nächste Runde dran, und sie war auch nicht besser. Ich wußte nicht mehr, wie ich es vermeiden sollte, den Ball mal zu weit nach links und dann wieder zu weit nach rechts zu schlagen. Mir fiel auf, daß ich den Schwung grundsätzlich zu verspannt und gezwungen ausführte: Unwillkürlich zieht man die Arme und die Schultern an und verkürzt damit den Schlagradius, der Ball wird getoppt und rollt ein viel zu kurzes Stück.

Einfach weiterspielen! Es war noch genug Energie da, und so ließ ich die dritte Runde folgen. Mir ging es jetzt mehr darum, überhaupt zu spielen. Der Todesfall arbeitete noch weiter in mir. Eigentlich lächerlich, beinahe witzig: Da beschäftigen sich Menschen ihr Leben lang mit irgendwelchen scheinbar wichtigen Dingen, und durch einen kurzen Zufall oder Zwischenfall, der sich innerhalb weniger Sekunden ereignet, wird alles ad absurdum geführt. Alles, was scheinbar aufgebaut und investiert und an Beziehungen und Verbindungen hergestellt wurde, ist mit einem Schlag gegenstandslos. Dann ist doch eigentlich alles egal, oder nicht? Dann kann man doch tun, was man will, denn dann zählt doch ohnehin nur die gegenwärtige Handlung und das Erleben in diesem Moment — das ist alles, was man hat. Und ich stehe hier nun auf dem Platz und bin dankbar, das mit allem, was dazugehört, so ungetrübt genießen zu können. Das ist es, und mehr gibt es nicht. Man muß es jetzt nehmen, sonst ist es fort. Diese einfache Schönheit, die jetzt da ist — sie steht doch eigentlich für alles, was am Leben schön sein kann. Da gibt es kein Suchen oder Vergleichen mehr, sondern nur die Qualität dieser konkreten Erfahrung. Ein paar Bälle zu schlagen, hin- und herzugehen, das Gras zu riechen und in den Himmel zu schauen, und mehr ist gar nicht nötig, und nach mehr wird auch gar nicht gefragt. Einfacher geht es wirklich nicht, und für Angst, Streß oder Sorge gibt es nicht den geringsten Anlaß.

Es wurde dunkel. Der Tag war gerade an der Grenze angekommen, wo man nachhause geht und es gut sein läßt. Aber diesmal spornte mich gerade das an: Trotzdem weiterzumachen, die vierte Runde dranzuhängen und solange zu spielen, bis es immer dunkler und kälter werden würde — vielleicht schon zu dunkel, um die Runde zu Ende zu bringen. Dies ist die schönste Zeit hier, das wußte ich noch. Also würde ich sie ganz auskosten. Jetzt war mir auch völlig egal, wie ich abschneiden würde; einfach nur spielen wollte ich. Und ich wußte noch: Ich bräuchte einfach nur den Schwung groß und weit werden zu lassen, damit wäre die falsche Angewohnheit der Anfangsrunden einigermaßen gebannt und korrigiert.

Ich schlug auf der ersten Bahn sogar mit dem Holz 3 ab, das ich mir sonst nicht zugetraut habe, weil ich die Bälle gewöhnlich schlecht treffe und rechts oder links ausschlage. Aber ich traf. Und so ging es weiter, daß es mir fast unheimlich wurde. Außerdem brach die Nacht herein. Man sah den Mond immer heller und am Horizont die Lichter und die Autoscheinwerfer. Die Sonne war lange verschwunden und hatte nur noch einen dunkelroten Überrest hinterlassen, der in wenigen Minuten verglomm. Ob ich die Runde noch würde abschließen können? Loch 4 spielte ich Par, was mich hier wohl noch nie gelungen war. (Außerdem wäre fast ein Birdie daraus geworden.) Alle anderen Löcher hatte ich eins über Par gespielt. Aber nun sah ich den Ball nach dem Abschlagen nicht mehr, hörte nur noch in der Ferne ein leises Klopfen, das mich vage vermuten ließ, wo er aufgekommen sein könnte. Und die Schläge kamen weiter auf die richtige Art, mit weitem, großem Schwung und vollem Treffen des Balls. Beim letzten Loch konnte ich nur noch erahnen, wohin ich spielen würde. Dennoch kam ich auch hier auf nur 1 über Par. Als ich zusammenrechnete, hatte ich meine bisherige Platzbestleistung von 26 Schlägen eingestellt.

Ich packte zusammen und ging zum Ausgang. Es wurde gerade abgeschlossen und das Licht abgeschaltet. Die anderen Spieler hatten den Platz bereits verlassen. In völliger Dunkelheit fuhr ich nachhause.

15. Oktober 2007

Goldener Oktober auf dem Golfplatz

Nachdem die letzten Tage bitter kalt gewesen waren und ich schon befürchtet hatte, die Saison wäre endgültig zuende, stellte sich heute ab Mittag eine ganz unverhoffte Temperaturerhöhung mit starker Sonne und ungetrübt blauem Himmel ein — so etwas gibt es hier in Bayern manchmal, und nicht selten handelt es sich dann um Föhn, der alle gewohnten Jahreszeitregeln abrupt über den Haufen wirft. Zumindest hatte ich heute nicht das Kopfdrücken und den Überdruß wie sonst meistens bei Föhn, sondern einen völlig klaren Kopf. Entsprechend freute ich mich auf einen schönen Golfnachmittag — und wurde dann auch nicht enttäuscht.

Goldener Oktober heißt nicht nur Wetter der besagten Art, sondern rot, braun und gelb in der Sonne aufleuchtendes Laub, zum großen Teil noch an den Ästen und nicht am Boden befindlich. Der Duft dieses Laubs, frische, klare, in der Nachtkälte gereinigte Luft, helle und aufmunternde Farben der Natur, Früchte an Büschen und Sträuchern, grünes, immer noch munter nachwachsendes Gras auf den Wiesen, ruhige, unaufgeregte Stimmung ohne die im Sommer übliche Hektik und Getriebenheit. Ein innerer Zustand der Gelassenheit und der Wertschätzung dessen, was Landschaft und Erde zu bieten haben, angereichert durch eine gewisse Bescheidenheit, denn der schnelle Einbruch winterlicher Temperaturen hat bereits für einige Ernüchterungen gesorgt und größere Erwartungen herbe gedämpft. Nun ist man also dankbar für jeden Tag, an dem noch warm und milde die Sonne scheint, und da man weiß, daß sie viel früher untergehen wird, nutzt man jede verbleibende Minute, um sie zu genießen.

Die erste Runde war nichts Erhebendes, weil ich mehrmals ins Aus schlug und damit mein Ergebnis frühzeitig ruinierte. Ich hatte ja mal erwähnt, daß das Ergebnis ohnehin nicht so wichtig genommen werden sollte, aber gerade heute fiel mir auf, daß jegliche laxe Herangehensweise nur die Qualität der Erfahrung herabmindert. Man ist dann nicht richtig wach beim Spiel und macht überflüssige Fehler. Diese wiederum bringen eine Unzufriedenheit zutage, die förderlich wirken kann. Es ist, als erhielte man kleine Schocks und würde dadurch erst richtig ins Spiel kommen. Und dann erst kann die Spielerfahrung in ihrer Gesamtheit konfrontiert und angemessen verarbeitet werden.

Daß Selbstzufriedenheit nichts nützt, hatte ich schon beim Einschlagen auf dem Putting Green und der Driving Range gemerkt: Da gibt es dann Fehler, die ich nicht entschlüsseln kann und die sich nur stupide wiederholen. Dieselben Fehler beging ich auch auf der Runde.

Bei der zweiten Runde war es viel besser, weil ich wach geworden war und ein besseres Verhältnis zum Spiel gefunden hatte. Ich schlug keinen Ball aus, stattdessen gelang mir ein Birdie, und auch die anderen Löcher waren gerade mal Par oder wenig darüber: also insgesamt eines meiner bisher besten Rundenergebnisse. Das macht mich am Ende immer nervös, weil ich unweigerlich auf die Jagd nach einem neuen Bestresultat gehe und gleichzeitig fürchte, es durch Lässigkeiten zu gefährden. Jedoch werde ich dadurch selten schlechter, weil ich mich jedesmal schärfer zusammenreiße und genau nachdenke und aufpasse.

Insgesamt ein schöner Nachmittag. Bei der Rückfahrt fiel mir auf, daß die Mattigkeit und Abgespanntheit, die ich bei den ersten Malen in diesem Jahr meistens verspürt hatte, inzwischen einer Art zufriedenen Erfahrungssattheit Platz macht. Da ist nicht mehr das mindeste, was mir unangenehm oder anstrengend vorkäme.

9. Oktober 2007

Es wird kühler

Inzwischen ist es draußen schon merklich kühler. Langsam beginnt die Jahreszeit, wo ich zu überlegen anfange, ob ich noch zum Platz hinausfahren will. Auf dem Fahrrad friere ich zuerst; andererseits stellt die Außentemperatur auch eine Herausforderung dar, und ich brauche nur etwas fester in die Pedale zu treten, um mich durch die Bewegung von innen her aufzuwärmen. Als ich angekommen bin und zu üben anfange, wird mir beim Schlagen schneller als erwartet warm, und bald ziehe ich den dicken Pullover aus.

Die kühle Luft hat auch noch den Vorteil, daß ich einen klareren Kopf habe und beim Üben aufmerksamer bin. Ich treffe sogar etwas genauer als beim letzten Mal. Außerdem fallen mir kleinere Unstimmigkeiten besser auf. So dachte ich heute zum ersten Mal darüber nach, daß meine Hüftdrehung schon seit einigen Monaten steifer geworden ist und dadurch der Schwungradius begrenzt wird. Ich hatte mir angewöhnt, nur noch von rechts oben zum Ball hinunterzuschlagen, statt auch noch den Körper rechts aufzudrehen — was mir ohnehin immer ein unsicheres Gefühl verursacht hatte. Aber es war eben nicht der volle Schwung gewesen. Heute experimentierte ich in dieser Richtung — einige Bälle traf ich völlig falsch, aber zwischendurch schlug ich dann wieder einige, die weiter als üblich flogen. Generell muß ich mir das mit der Hüftdrehung und vor allem der geschmeidigeren Bewegung merken.

Insgesamt ging ich die 6-Loch-Runde heute dreimal. Die erste begann mit gleich zwei ins Aus verzogenen Abschlägen. Trotzdem blieb ich ruhig und ärgerte mich nicht. Durch die Routine der letzten Zeit weiß ich, daß ich mich, ungeachtet solcher Aussetzer, inzwischen ziemlich auf meine Schläge verlassen kann. Und so spielte ich auf der ersten Runde auch gleich bei zwei Löchern Par, und das Ergebnis war am Ende recht gut. Auch auf der zweiten Runde gab es wieder zweimal Par. Auf der dritten gelang mir sogar ein Birdie, und wenn ein Ball nicht an die Fahnenstange geprallt und wieder vom Loch weggerollt wäre, wären es sogar zwei Birdies geworden. Endresultat: 90 Schläge auf 18 Löchern (bei einem Gesamt-Par von 63). Dafür, daß ich dabei insgesamt sechsmal aus geschlagen habe (Ausschläge zählen jeweils 2), sogar ein großartiges Tagesergebnis.

Dabei bin ich zur Zeit kaum ergebnisorientiert. Das Wichtigste ist immer noch die innere Gelassenheit, das Erleben der natürlichen Umgebung, das Genießen der gesamten Eindrücke von Landschaft, Platz, Vögeln und Wolken am Himmel, beginnender Abendstimmung, Duft des Grases und der anderen Pflanzen, Aufmerksamkeit beim Zielen, Schwingen, Schlagen und Treffen — dieser sich immer von neuem wiederholende Gesamtrhythmus des Spiels, der jedes Mal wie eine heilsame Seelenmassage wirkt und zu denselben ausgleichenden und wohltuenden Effekten führt.

Bei der Rückfahrt verspürte ich nicht die Mattigkeit und Müdigkeit wie noch an den wärmeren Tagen, und auch die weiter zunehmende Kälte störte mich nicht im geringsten. Im Gegenteil: Sträubt man sich nicht dagegen, so wirkt sie sehr belebend. Die Lebensgeister, die ganze Vitalität und körperliche Spannkraft — alles das wird angenehm stimuliert, und der Gefahr der Verweichlichung und des bequemlichen Abschlaffens durch Computer- und Stubenhockerei wird sinnvoll vorgebeugt. Ich schätze zunehmend die Vorzüge der mehrmaligen Wiederholung: zum Platz zu fahren, dieselben Schläge zu üben, dieselben Eindrücke — immer nur leicht abgewandelt — aufzunehmen und jedesmal von zwanghaftem Denken und überflüssigen Problemen weitestgehend loszukommen. Bei jeder dieser Erfahrung vertieft sich diese Wirkung, weil sich etwas in einem umso schneller einklinkt und innerlich loslassen kann.

2. Oktober 2007

Eine ziemliche Menge von Begebenheiten

Heute nachmittag war ich so müde, daß ich nicht wußte, ob es Sinn machen würde, auf den Platz zu fahren. Ein bißchen schwingt dabei mit, daß ich noch sieben Coupons auf meiner Zehnerkarte habe und diese nur noch für das laufende Jahr gelten — das kann zwar kein eigentlicher Grund sein, zum Spielen zu fahren, aber es kommt vor, daß es den Ausschlag gibt, wenn ich mir ansonsten sagen würde: “Du kannst ja immer noch ein andermal spielen und dich heute einfach nur auf die faule Haut legen.” So habe ich in den letzten Jahren oft gedacht und bin dann monatelang nicht mehr auf den Platz gegangen. Manchmal braucht man eben einen gewissen Anstoß.

Und schwül war es heute, sehr schwül, außerdem vermutlich Föhn, der typische Spätsommer-Oktoberfest-Frühherbst-Föhn, der der Jahreszeit ein Schnippchen schlägt und sie sommerlicher erscheinen läßt, als sie in Wahrheit ist. Es kann dann sogar eine richtige brütende Hitze geben. So war es heute nicht ganz, aber fast, jedenfalls schwitzte ich beim Ankommen ordentlich und mußte mir alles bis aufs Hemd ausziehen.

Dann nahm mich aber gleich der Duft frischgemähten Grases und die wohltuende, mit Wiesenkräuter- und Heilkräuter- und Feldgemüseduft angereicherte Brise auf dem Putting-Green für sich ein. Ich atme dann erstmal tief durch und habe bereits zu diesem Zeitpunkt die Gewißheit, daß dies der beste Ort auf Erden ist und es nichts Besseres geben kann, als genau hierher zu kommen, ganz egal, ob ich nun groß trainieren, die Runde spielen oder einfach nur ein bißchen herumhängen und mich entspannen will. Da klinkt etwas innerlich ein, und alles fällt an seinen richtigen Platz. Probleme sind ganz weit draußen, wenn nicht gar so weit entrückt, als hätte es sie nie gegeben.

Zum Kurzspiel hatte ich heute keine Lust, deshalb noch ein paar Abschläge auf der Driving Range. Im Gegensatz zum letzten Mal hatte ich ein völlig leichtes, sicheres Schlaggefühl und bildete mir noch ein, das wäre so ein Tag, wo einem alles gelänge. Also schnell auf die Runde!

Während der ersten Löcher schien sich dieses optimistische Gefühl zu bestätigen, außer daß ich elend viele Schläge brauchte. “Spielt auch keine Rolle; die innere Einstellung zählt, und die stimmt heute”, sagte ich mir noch. Bis ich merkte, daß eigentlich kaum etwas zusammenlief. Ich schlug in den Boden, schlug Ausbälle, schob 20-cm-Putts vorbei. Zwar ärgerte mich das alles nicht im geringsten, aber nach der ersten Runde mußte ich mir eingestehen, daß dies womöglich das schlechteste Ergebnis des Jahres war. Und irgendwie war ich immer noch müde, wurde einfach nicht wacher. Es war, als hätte sich Mehltau über meine Sinne gelegt. Ich bastelte zwar herum, aber wie in einem Traum, so als wäre die eigentliche Umwelt von einer dicken, undurchdringlichen Trennwand verdeckt.

*

Die zweite Runde begann genauso schlecht; ich schlug gleich zu Beginn ins Aus, und der Rest verlief wie eine Kopie der ersten Runde. Fast. Denn bei Loch 4 passierte es dann: Ich verzog wieder mal einen Abschlag völlig nach links, der Ball schoß weit, sehr weit über die Begrenzung hinaus, und genau dort standen zwei Spieler: ein älterer Mann und eine ältere Frau. Der Ball zischte geradewegs zwischen beiden durch. Manchmal bin ich wie gelähmt und bringe keinen Ton heraus, aber diesmal schrie, ja brüllte ich sofort laut den Warnruf “Fore!” Nun sah ich erschrocken, wie der Mann sich den Kopf hielt. “Ich habe ihn doch gar nicht getroffen”, dachte ich, lief aber sofort die etwa 120 Meter zu ihm hinüber.

Er sei getroffen worden, behauptete er, machte auf mich aber einen recht konfusen Eindruck. Ich schätzte ihn auf ca. 80 Jahre, und er behauptete, er hätte meinen Ruf nicht gehört. Der Ball habe ihn “an den Haaren gestreift”. Konnte ich mich so getäuscht haben und das nicht mitbekommen haben? Ich ging noch näher auf ihn zu und wollte wissen, wo ihn der Ball getroffen habe. Es war aber nichts zu sehen; stattdessen verlangte er meinen Namen und meinte störrisch, er würde sofort zum Arzt gehen und sich untersuchen lassen.

Der Vorfall brachte genau den Effekt, der bisher bei mir gefehlt hatte: Ich wurde schlagartig wach. Betroffen spielte ich weiter und begann darüber nachzudenken, ob ich nun schuldig, verantwortlich, haftbar sei. Ich schaute nochmal zu den beiden hinüber. Sie spielten regulär weiter.

Den Rest der Runde erledigte ich ohne viel Freude am Spiel; ich vergaß sogar, die Ergebnisse aufzuschreiben. Zügig schloß ich das Spiel ab und machte mich direkt zur Rezeption auf. Dort fragte ich nach, ob sich der Alte wie angekündigt gemeldet hätte. Die junge Frau wußte von nichts; auch war das Paar sofort verschwunden. Ich sprach den Trainer an und schilderte ihm den Vorfall, erwähnte auch, daß mir das Verhalten des Mannes suspekt erschienen sei. Der Pro beruhigte mich sofort: Alle Spieler auf dem Platz seien durch den Platzinhaber versichert; man könne nie sicher gehen, wohin die abgeschlagenen Bälle flögen; ich solle mir keine Sorgen machen. Außerdem sei ja gar nichts gemeldet worden.

Nach ein paar Minuten war ich über die Angelegenheit hinweg. Ich nahm mir aber vor, aus der Angelegenheit meine eigene Lehre zu ziehen und selbst genauer auf entgegenkommende Bälle zu achten. Es kann einem nämlich leicht passieren, daß man so vom Spiel eingenommen ist, daß man Querschüsse gar nicht in Betracht zieht und die anderen auf Gegenbahnen spielenden Parteien nicht mehr zur Kenntnis nimmt.

*

Der Himmel zog sich nun langsam mit Wolken zu, und Abendstimmung begann sich breitzumachen. Das ist für mich hier die schönste Zeit. Vor mehreren Jahren habe ich hier einmal abends bis in die völlige Dunkelheit hinein gespielt und kann mich heute noch an das beeindruckende Erlebnis erinnern. Es ist eine Zeit, bei der man sich nach und nach entspannt und bei der alles, was mit Wichtigem oder scheinbar und eingebildet Wichtigem aufgeladen ist, in den Hintergrund tritt. Dagegen rücken einfache Eindrücke in den Vordergrund: die Farbe des Horizonts, der sich nicht einfach nur orange oder rot, sondern in seltsamen Mischungen von Braun- und Violett-Tönen präsentiert, die jeden Augenblick ihren Ton und ihre Strahlung ändern wie bei einer großartig inszenierten Opernaufführung. In der Ferne läuten Kirchenglocken, Krähen fliegen vorüber, Hundegebell und Autogeräusche sind zu vernehmen — alles Eindrücke, die den ganzen Tag über vorhanden sind, aber erst jetzt nach vorne rücken und den Eindruck wehmütiger, anrührender Bedeutsamkeit hervorrufen.

Es ergaben sich noch zwei Gespräche: Einmal mit einer Frau, die heute ihren ersten Golftag hatte und mit unermüdlicher Hingabe Schläge ausprobierte, von denen sogar einige recht gut gelangen. Dann mit dem guten Spieler, mit dem ich neulich zwei Runden gespielt hatte. Er erzählte mir, wie er längere Zeit mit Rückenschmerzen zu kämpfen gehabt habe, sich dann aber mithilfe eines Physiotherapeuten, eines Masseurs und mehrmonatigem intensivem Krafttraining zur Stärkung der Rückenmuskulatur selbst aus dem Teufelskreis von chronischem Schmerz und Verspannung befreit habe. Die Zeit verging, und ich war nicht mehr unruhig, auch nicht mehr müde, sondern einfach nur mit dem gegenwärtigen Augenblick verbunden. Es ging mir gut; ich war zufrieden; der zuvor erlebte Schock hatte mich nicht geschwächt, sondern offenbar sogar gestärkt. Ich schlug meine restlichen Übungsbälle ab und ließ mir dabei viel Zeit. Dann machte ich mich zu einer letzten Runde auf.

Solche Runden bei untergehender Sonne, wenn der Tau schon das Grün bedeckt und aus dem tiefen Gras des Fairways ein würzig-modriger, intensiver Geruch aufsteigt, möchte ich gegen kein anderes Platzambiente eintauschen. Mir ist dann völlig gleichgültig, wie ich spiele, aber genau deswegen gelingt mir alles, was ich mir nur wünschen kann — während ich mir gleichzeitig gar nichts mehr wünsche. Es ist eine Zeit der inneren Heimkehr, aber durchzogen von einer rätselhaften Melancholie, die stets einhergeht mit dem Wissen um die Vergänglichkeit allen Daseins. Der Tag endet, es wird dunkel, die Vögel schreien ihre letzten Mitteilungen, Autoscheinwerfer leuchten auf und an den Bänken packen die letzten Spieler ihre Taschen, um sich zum Abschied aufzumachen. An der Rezeption wird bereits alles verstaut und zugeschlossen. Man kann hier aber stets sicher sein, niemals zum Fortgehen genötigt zu werden; jedem bleibt es überlassen, bis zur völligen Dunkelheit weiterzuspielen, solange er eben seine Bälle noch so gerade sehen kann, oder wenn er will, auch noch länger. Und ich könnte diesen Augenblick so lange hinauszögern wie nur irgend möglich.

24. September 2007

Durchwachsen

Heute fühlte ich mich nicht so gut; vielleicht bin ich erkältet? Aber das schöne Oktoberfest-Wetter mit blauem Himmel und warmen Temperaturen legte es mir unabweislich nahe, zum Golfplatz zu fahren. Kann ja sein, daß es bald zuende ist mit der schönen Jahreszeit!

Keine weitere Steigerung meiner Spielfähigkeiten — so dachte ich jedenfalls nicht nur beim Üben, sondern auch, als ich dann zum ersten Mal über den Platz ging. Nun, ich kann ja auch nicht erwarten, immer nur besser zu werden. Es hätte mich aber auch zufriedengestellt, wenn ich die Fehler in den Schlägen besser hätte identifizieren können. Da war einfach nichts Genaues auszumachen. Beim letzten Mal klappte es so gut mit den Abschlägen, diesmal nicht, und scheinbar ohne Grund.

Die zweite Runde war dann solider: Ich kam bis auf einen Schlag an meinen persönlichen Bestwert heran. Inzwischen habe ich mich schon an 1 über Par je Loch gewöhnt und bin schon so weit, mich zu ärgern, wenn ich dieser Norm phasenweise nicht gerecht werde.

*

Auf der Driving Range ergab sich eine interessante Begegnung mit einem Übenden, der zufälligerweise den gleichen Schlägersatz wie ich hatte und der mir durch das konzentrierte, gewissenhafte Studieren seines Schwunges auffiel. Normalerweise habe ich mir abgewöhnt, Kommentare abzugeben und mich einzumischen, aber diesmal schien die Situation geradezu zu fordern, etwas offen mitzuteilen, das mir beim längeren Zuschauen immer wieder penetrant ins Auge stach. Er schlug nämlich immer wieder Hooks; dabei schwang der Schläger hinter dem Rücken zu weit nach rechts, und gleichzeitig verlor er am Ende seines Schwunges linksseitig die Standbalance. Mein Feedback wurde angenehmn positiv aufgenommen und es ergab sich noch ein recht angeregtes Gespräch. Ich fand den Mann einfach sympathisch und würde mich freuen, ihn wiederzutreffen. (Leider ist das hier auf diesem Platz recht selten geworden; die meisten spielen in irgendwelchen Stammclubs und kommen nur zu sporadischen Trainings her, weil die Anlage so nahe bei der Stadt liegt und man nach der Arbeit noch kurz herfahren kann.)

22. September 2007

Im Flight

Zum ersten Mal nach langer Zeit wieder in einem Flight gespielt. Es ergab sich zufällig, als ich Freitag nachmittag zum ersten Abschlag ging und dort auf zwei Männer traf, die wegen des starken Platzandrangs schon eine Zeit gewartet hatten. Sie boten mir an, ich könne gerne mitspielen.

Das erwies sich als Glücksfall. Ich konnte wieder einmal feststellen, daß das Mitspielen bei Leuten, die ich noch nie gesehen oder getroffen habe, zu einer intensiven persönlichen Erfahrung wird. Es begann schon damit, daß ich beim Näherkommen merkte, wie ich nervöser wurde, weil ich das Angebot ahnte und mir schon überlegte, ob ich nicht lieber alleine auf die Runde gehen wolle. Dann erinnerte ich mich, wie gut es jedesmal gewesen war, diese kleine innere Barriere zu überwinden.

Zu dem Glücksfall gehörte, daß sich herausstellte, daß es sich um bemerkenswert gute Spieler handelte. Was sich aber erst nach und nach herausstellte. Der Bessere der beiden verpatzte nämlich gleich seinen ersten Abschlag und fing nochmal an, lag also schon am Start bei 3. Meine Nervosität setzte sich (wie ich es schon des öfteren, aber jedesmal mit Verwunderung, erlebt habe) in bessere Konzentration um, und meine Abschläge gelangen so gut wie vermutlich noch nie: satt getroffen, kerzengerade dahinfliegend und mitten auf der Bahn landend — einfach ein voller Genuß. Dafür schlampte ich beim Kurzspiel, wo ich mich dann doch ablenken ließ. Dennoch meinte ich anfangs mit den beiden noch mithalten zu können. Auf Nachfrage erfuhr ich zwischenzeitlich: beide spielen in Clubs, der eine sogar alle paar Tage, und am Schluß erwähnte er noch, er habe auf diesem Platz öfters Par oder sogar noch darunter gespielt.

Sein Freund hatte jedoch einen schlechten Tag erwischt; er ließ sich auch zu der Unsitte ständigen Ärgerns und Fluchens hinreißen und wurde zunehmend schlechter. Bis er dann ein Loch ausließ, wieder weiterspielte, nur um endgültig enttäuscht abzubrechen: eine weitere Unsitte. Ich wundere mich immer wieder, wie so etwas bei Routiniers vorkommen kann. Aber ich pflege eben einen anderen persönlichen Standard — das war mir neulich schon beim Zuschauen bei den Internationalen Münchener Tennismeisterschaften aufgefallen, wo Fluchen und Schlägerwerfen eher mehr als weniger vorkam und einer der jungen Spieler sogar verärgert abbrach. Fängt man mit solchen Launen erst einmal an, ist es wie eine Sucht, und sich so etwas wieder abzugewöhnen fällt einem dann umso schwerer.

Mit dem zweiten, dem besseren Spieler ging ich dann nochmal eine Runde. Es gab sich, ohne daß groß gesprochen wurde, ein herzlicher persönlicher Kontakt — eine Art stilles Einverständnis. Sowohl bei ihm wie bei mir klappte es nun besser: Er spielte ungefähr Par und ich auch eines meiner besseren Ergebnisse. Die Abschläge gelangen mir samt und sonders wie im Bilderbuch. Bei solchen Erlebnissen kann man sich beinahe einreden, man hätte es “geschafft” und wäre endlich ein guter Spieler geworden.

Noch einmal zu dieser speziellen Art von Flight-Erfahrung. Auf dem Johanneskirchener Platz kommt so etwas selten vor, eher als unwahrscheinliches Zusammentreffen. Trotzdem ist eigentlich erst das ein vollwertiges Spielerlebnis. Es bestätigt sich immer von neuem, daß man auf einer Runde unweigerlich herausfindet, um was für Menschen es sich handelt, mit denen man da zu tun hat. Der Stil, mit dem auf Erfolge wie Mißerfolge reagiert wird, enthüllt den individuellen Kern hinter der äußeren Fassade mit unentrinnbarer Konsequenz. Ob dabei ein gutes oder schlechtes Spielergebnis erzielt wird, halte ich für ziemlich unerheblich; was ich viel höher einstufe, das ist das Existentielle der Situation selbst. Also das, was — wie jeder ernsthaft spielende Golfer weiß — bei diesem Spiel immer zum Vorschein kommt: als jedes Mal neuartige Auseinandersetzung mit sich selbst und mit der jeweiligen, stets unvorhersehbaren und daher auch nie kontrollierbaren Gegebenheit. Im wesentlichen liegt darin stets ein verdichtetes Lebensgleichnis.

*

Im vorigen Eintrag hatte ich etwas zur Ruhe und zum Ankommen geschrieben. Diese beiden etwa 60-Jährigen fanden es ganz selbstverständlich, sich keinen Deut um die natürliche Umgebung zu scheren, sondern da ging es nur ums Ergebnis. Eigentlich absurd, und natürlich ob der inneren Dürftigkeit und Selbstvernachlässigung eine peinliche Angelegenheit. Was mir aber besonders erwähnenswert scheint, ist die Tatsache, daß diese Menschen, so wie die allermeisten anderen in unserer Gesellschaft, nicht einmal für Sekunden darauf kommen, wie sie mit sich und ihrem Leben umgehen. Die tote, hohle Routine wird zur völligen, niemals mehr hinterfragten Selbstverständlichkeit. Darüber hinaus wird um sich herum ein Sog in diesen Vergessensdrang erzeugt, der alle, die damit in Berührung kommen, mit hineinzuziehen trachtet.

12. September 2007

Auf dem Platz in der Ruhe ankommen

Gegen Nachmittag begann es unversehens wärmer zu werden, was nach den letzten kühlen, regnerischen, manchmal schon im Wintermantel verbrachten Tagen recht ungewohnt wirkte. Sogar die Sonne ließ sich zwischenzeitlich blicken und wärmte auf der Haut. Ich packte die Gelegenheit beim Schopf und fuhr zum Golfplatz.

Ich war heute etwas müde; es fehlte die Spritzigkeit und Begeisterung der letzten Male. Trotzdem machte es Spaß. (Es macht eigentlich immer Spaß in letzter Zeit, was verglichen mit den vergangenen Jahren eher ungewöhnlich ist.) Aber es lief einfach so ab; ich hatte gar nicht das Gefühl, selbst der zu sein, der den Schläger schwang, sondern irgendwann nach einem Schlag merkte ich auf und sah, daß der Ball schon abgeschlagen war. “Wie ist denn das passiert?” ging es mir dann durch den Kopf, und ich konnte mich auch nicht mehr erinnern, wie es im einzelnen gewesen war.

So war es auch die ganze Zeit über auf dem Platz, den ich zweimal entlangging. Da ging dann einiges schief. Dazwischen ein paar schöne Schläge, aber es regte mich alles nicht so auf wie früher. Man zählt, aber es ist nicht wichtig. Wieso sollte es auch wichtig sein; wieso sollte man sich aufregen oder gar ärgern? Das Herumrennen und die Selbstbeschäftigung mit den Schlagzahlen ziehen einen aus der Gegenwart heraus. Das nenne ich Verlieren, nicht ein “schlechtes” Spiel!

Und weil dieses Thema heute bei mir unablässig mitschwang, machte ich zwischendurch Pausen, schaute mir die Landschaft und den Himmel an, roch die aromatische Luft. Irgendwo im Feld daneben blühte etwas ganz Wunderbares, das wie ein Parfüm roch. Da war eine große Fläche, die mit etwas wie Kamille bewachsen war, aber es war nicht Kamille, und es roch noch viel besser als Kamille. So ein Geruch kann alles übertreffen; ich bin dann einfach wunschlos zufrieden. Hier, auf dem Platz sehend und gehend, einfach innerlich anzukommen, das ist der Sinn und die Schönheit dieses Spiels. Auf dem Platz anzukommen reicht nicht: in der Ruhe anzukommen, das ist erst die Kernerfahrung. Alles andere ist dabei einfach nur Drumherum und unwesentliches Beiwerk, selbst das Spiel oder der Platz, ja sogar die Natur in all ihrer Größe und Imposanz. Das nützt alles nichts, solange das Eigentliche fehlt.

3. September 2007

Betrachtungen zum Energiefluß und zum Verstehen

Laut Titelblatt eines der Münchener Boulevardblätter soll das Wetter in den nächsten Wochen “greislig” werden: Regen, kalt, in den Bergen sogar Schnee. Heute ziehen schon die dunklen Wolken auf, aber bislang hat es noch nicht zu regnen angefangen. Jedenfalls werde ich es heute nicht riskieren, auf den Platz zu fahren, und ich bin gespannt, ob die Vorhersage zutrifft und ob die Saison, die für mich ja erst so spät begonnen hat, sich demnächst schon wieder ihrem Ende zuneigen wird. Bisher hatte ich mir jedes Jahr im September und Oktober eingeredet, ich könnte auch noch zum Jahresende hin “genauso gut” zum Spielen gehen; es würde doch einfach nur ein bißchen kühler werden. Dazu war es aber nie gekommen. Die Kälte ist es nicht allein; hinzu kommen üppige Schauer und eine insgesamt weniger aufmunternde Stimmung draußen. Wir werden sehen…

Jedenfalls gibt es über gestern noch etwas nachzutragen: Ich hatte ja immer wieder Schulterschmerzen gehabt und war mich auch sicher gewesen, daß es mit Fehlern beim Schwung und Schlag zu tun gehabt hatte. Interessanterweise waren die Schmerzen auch ohne Spielen dageblieben, manchmal sogar über ein halbes Jahr, oder sie waren in Zeiten, wo ich schon ewig nicht gespielt hatte, einfach so von selbst wiedergekommen. Die Erfahrung war aber, auch jetzt wieder, gewesen: Ein Wiederaufnehmen des Spielens ließ die Schmerzen wieder verschwinden.

Noch einmal, zum Verstehen: Erst scheint das Spielen die Schmerzen verursacht zu haben, dann wieder ist es genau das Spielen, das sie kuriert.

Die Lösung dieses scheinbaren Paradoxons besteht im Verstehen des richtigen Bewegungsablaufs. Ein falscher Bewegungsablauf stört die Körperharmonie, ein richtiger stellt sie wieder her. Und daher hängt nicht nur der Spielerfolg und der Spaß am Spiel vom richtigen Verständnis des Bewegungsablaufs ab, sondern eben — und bei weitem nicht zuletzt! — auch die eigene Gesundheit.

Und nun zu dem, was ich gestern beobachtet habe (und im Nachklang auch heute spüre): Selbst kleine Fehler und Unstimmigkeiten verursachen bei mir eine gravierende Störung im Fluß der Körperenergie. Ich schreibe bewußt “Körperenergie”, denn es ist weit mehr als nur Biomechanik. Allein schon eine relativ kleine Veränderung wie das Absenken der rechten in bezug auf die linke Schulter beim Treffmoment (wie von Croker empfohlen) scheint bei mir etwas im Energiefluß verändert zu haben. (Die Akupunkteure sprechen von einem Umschalten der Verkehrszeichen und einem Umleiten der Ströme.) Manchmal merke ich auch (außerhalb des Golfs), wie eine einfache Änderung der Stellung beim Stehen oder Sitzen solche Strömungsänderungen hervorruft; dann fließt plötzlich die blockierte Energie durch Hals und Kopf nach oben ab. Die Wirkung ist, daß sich dann der ganze Körper schwerelos fühlt. Gewicht wird nur da gespürt, wo noch Blockade herrscht; ein Lösen der Blockade setzt die Energie frei, und der betreffende Bereich wird zuerst leicht, dann schwindet er völlig aus der aktiven Wahrnehmung, so als wäre er nun gar nicht mehr vorhanden. Im Idealfall lösen sich alle miteinander verbundenen Blockaden mit auf und der Körper wird in seiner Gesamtheit transzendiert. Viele Menschen kennen diesen Zustand gar nicht, aber ich kenne ihn sehr gut, und deshalb merke ich auch sofort, wenn diese Leichtigkeit beeinträchtigt ist. Und wie schon gesagt empfinde ich darüber hinaus selbst kleine dieser Beeinträchtigungen sehr schnell als äußerst quälend und störend.

Ich sehe immer deutlicher, wie entscheidend das richtige Verständnis des Bewegungsablaufs beim Golf ist. Denn ohne dieses Verständnis mag man vielleicht instinktiv oder routinemäßig richtig schwingen und schlagen (und spielen), aber man ist nicht davor gefeit, auf jeden Irrtum neu hereinzufallen. Meine ganzen Erfahrungen mit Trainern bestätigen das noch umso deutlicher, denn Trainer vermitteln fast nie dieses Verständnis. (Es ist quasi ihr eigenes Berufsgeheimnis, denn wer es hat, wäre ja selbst nicht nur Spieler, sondern ebenfalls Trainer, denn er könnte sein Verständnis, das ihm ja nun selbst angehört, jederzeit reproduzieren, und zwar auch in Worten — denn was man nicht verbal kommunizieren kann, das hat man auch nicht wirklich verstanden.) Sondern was Trainer vermitteln, das sind punktuelle Kniffe und Tips, die etwas von außen am Spiel, also am Bewegungsverhalten des Lernenden ändern oder korrigieren. Der Lernende soll sich das dann durch Wiederholung angewöhnen. Mit anderen Worten: Er wird auf dieses Verhalten hin bloß konditioniert (ein anderes Wort dafür wäre: gedrillt); es wird ihm mechanisch eingetrichtert. (Man kann bekanntlich Papageien auch das Sprechen beibringen; sie wissen aber nicht, was sie reden.) Der Vorteil für den Trainer: Er verdient immer wieder.

Eine andere Erfahrung, die ich mit Trainern gemacht habe: Sie verstehen es oft selbst nicht. Eigentlich erschreckend, aber wahr (und umso erschreckender, wenn man bedenkt, daß eine halbe Stunde mindestens 30 Euro kostet): Jeder vermittelt nur seine paar Tricks und Kniffe, und wenn’s hoch kommt, sein eigenes bruchstückhaftes Verständnis — aber ich habe noch keinen getroffen, der ein umfassendes und zutreffendes Bild vom richtigen Schlagen und Spielen vermittelt hätte. (Sie würden vielleicht einwenden: Mehr könnten sie in ein paar Stunden auch nicht vermitteln; da müßte man monate- und jahrelang zu ihnen kommen. Aber das stimmt nicht, wie meine Schulterschmerzen gut zeigen. Die kommen nämlich von falschen Hinweisen, einen zu nahen Stand am Ball betreffend. Und inzwischen sehe ich, wenn ich Trainern bei der Arbeit zuschaue, zuhauf solche falschen Anweisungen.) Die andere Sache ist: Um das ganze Golfspiel umfassend verinnerlicht und von Grund auf durchschaut zu haben, muß man das sein, was man im spirituellen Bereich einen “wirklichen Weisen” nennt. Und so etwas ist sehr, sehr selten.

Es bleibt einem nur, sich selbst auf den langen Weg zu begeben und Stück für Stück eigenes Verständnis heranzubilden, immer wieder in kleinen Schritten, mit kleinen Erkenntnissen, kleinen Aufschlüssen und Beobachtungen. Aber das ist dann das, was ich wirkliches Golf nennen möchte, ein Spiel der Lebensweisheit und der Reife, und beileibe kein belangloser Zeitvertreib! Alles, was auf diesem Weg gewonnen wurde, bleibt einem und ist unverlierbar. Und rückwärts geht dieser Weg nicht; er geht immer nur vorwärts; ja, man kann sogar wagen zu behaupten: Er geht immer in die richtige Richtung.

So, mittlerweile platscht jetzt draußen aber so richtig der Regen vom Himmel, und mit Spielen ist’s dann erst mal nichts.

2. September 2007

Neue Schwungaspekte auf der Driving Range

Ich habe auf der Sammelkarte für die Driving Range noch einiges abzustottern, und ohnehin stand diesmal Üben an. Daher heute Driving Range und nicht auf den Platz.

Insgesamt war auch das eine überraschend schöne, angenehme und erfüllende Erfahrung, umso mehr, als ich die ganze letzte Zeit über, eigentlich schon seit Jahren, kaum noch Lust zum Üben verspürt hatte. Zuerst einmal war die Witterung sehr mild, gerade um die 20 Grad; es schien eine sachte wärmende Sonne, die das Gras hellgrün aufleuchten ließ.

Beim Putten gelang mir schon nach kurzer Zeit ein 25-m-Putt, genau wie vor Jahren schon des öfteren — damals hatte ich daraus für mich selbst eine ganz eigene Wettbewerbsdisziplin gemacht, so etwas wie einen speziellen Ziel- und Schießwettbewerb. Überhaupt klappten alle Schläge so gut wie wohl noch nie. Das hebt natürlich gleich die Stimmung. Ich weiß ja ganz genau, daß es nicht jedesmal so ist, aber wenn man so eine schöne Strähne hat, warum sie nicht genießen? Ohnehin hängt alles an der inneren Einstellung: kein Druck, keine Ambition, sondern viel Leichtigkeit, öfters Pausen, sich den Platz und die Landschaft und den Himmel anschauen, ein paar neue Sachen bei den Schlägen probieren, statt immer nur maschinenhaft Bälle wegzukloppen.

Ich hatte das Buch von Croker mitgenommen, um gleich vor Ort ein paar Anregungen ausprobieren zu können. Noch nicht erwähnt hatte ich seinen Tip,

  • beim Treffmoment die rechte Schulter niedriger zu halten als die linke.

Das hatte nun wirklich eine verblüffende Wirkung! Anscheinend verändert sich nämlich dadurch die ganze Schwungstruktur: die Bahn des Schlägers stimmt über einen längeren Weg mit der Flugbahn des Balles überein. Die Bälle gingen dann eher nach rechts, aber bemerkenswert gerade. Das Gefühl beim Schwingen, Schlagen, Treffen und Auspendeln ist ein ganz anderes. Ich werde das noch näher untersuchen und austesten. Jedenfalls scheint Croker auch hier den richtigen Kniff zu vermitteln. Ich bin jetzt schon bei mehreren Hinweisen, die ich bislang noch bei keinem Trainer gehört oder in irgendeinem anderen Buch gefunden habe.

Allermeistens verhält es sich ja so, daß solche Tips, beim ersten Mal ausprobiert, den Schlag verderben und bloß eine störende Unruhe hineinbringen, so daß man wieder froh ist, das Ganze abhaken und komplett vergessen zu können. Eben deswegen wunderte ich mich, denn so gut wie heute habe ich noch nie getroffen, und das hat eindeutig mit Crokers Anregungen zu tun.

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